Weihbischof Dr. Guballa

Predigt im Hohen Dom zu Mainz

am Sonntag, 29. April 2007 aus
Anlass des Welttags der Geistlichen Berufe

„Du aber wähle das Leben“

Voll Freude erzählte mir ein Pfarrer von der Erfahrung der diesjährigen Osternacht in seiner Gemeinde. Es wurde in ihr ein neunjähriges Mädchen getauft. Ihre Eltern hatten entschieden, dass das Kind einmal selbst eine Entscheidung treffen müsse, ob es sich religiös und in einer Kirche binden wolle. Beide Eltern hatten die Kirche verlassen. Das Mädchen meldete sich eines Tages ganz überraschend bei dem Pfarrer und bat um die Taufe. Sie wurde vorbereitet und mit der Vorbereitung auch in den Kommunionkurs integriert. Es entwickelte sich ein lebendiges Mitgehen und Mitleben der Kinder dieses Kurses auf das Osterfest zu. Vieles wurde gemeinsam besprochen und unternommen. Für die Osternacht bat nun die junge Taufbewerberin, dass sie das Glaubensbekenntnis als Glaubenslied mit vier weiteren Freundinnen aus ihrem Kommunionkurs vor der Gemeinde singen dürfe. Dies haben die fünf getan. Dieses Zeugnis hat die ganze Gemeinde erreicht und ergriffen. Gottes Geist war buchstäblich zu spüren und wurde im Geschenk dieser Taufe sichtbar. Es war jene Begeisterung, von der die junge Gemeinde in der heutigen Lesung mit Barnabas und Paulus Zeugnis gibt.

Wir sind heute auch Zeugen eines Geistgeschehens, denn im Sakrament der Firmung wird durch die Gabe des Heiligen Geistes die Entscheidung eines persönlichen Weges und das Zeugnis des Glaubens darin besiegelt. Dankbar dürfen wir dieses Geschenk annehmen.

Diese Dankbarkeit ist eingebettet in den Kontext des heutigen Sonntags. Wir begehen an ihm den Tag der Geistlichen Berufe. 80 Jahre besteht das Päpstliche Werk für Berufe in der Kirche in Deutschland, seit 60 Jahren ist es in unserem Bistum beheimatet und wir sagen Danke heute für ungezählten Frauen und Männer, die durch ihr Gebet, durch ihr persönliches und materielles Mitwirken dazu beitragen, dass die Bitte des Herrn, immer wieder um Arbeiter und Arbeiterinnen für seine Ernte zu beten, ihre Antwort findet. Christus, der uns in der Taufe zu neuem Leben berufen hat, sucht immer wieder Zeuginnen und Zeugen seiner frohen Botschaft. Aus unserer Taufe heraus haben wir alle die Sendung empfangen, dem Evangelium einen Weg zu bereiten.

Wir brauchen für diesen Weg aber auch den Hirtendienst, der unseren Priestern übertragen ist. Wir brauchen den diakonischen Dienst, der den Diakonen in der Berufung ihres Amtes eigen ist und wir sind dankbar für das segensreiche Wirken der übrigen pastoralen Berufe als Gemeindereferenten/Innen, Pastoralreferenten/Innen, Katecheten/Innen sowie für die Vielfalt des geweihten Lebens in den Orden und Säkularinstituten und für die Vielfalt des ehrenamtlichen Dienstes zum Wohl der Kirche und der Gemeinde.

Müssten wir für unser Leben alleine einstehen, wäre alle Sorge dafür allein auf unsere Schultern gelegt, wären wir überfordert. Der Hirtendienst ist ein Dienst am Leben. Das geistliche Amt ist eine Beauftragung zur Wegweisung aufgrund der Weisung Christi für seine Kirche.

Hätte das Volk Israel je seinen Weg aus Ägypten gefunden, wäre nicht Mose von Gott gerufen und beauftragt worden, es zu führen. Er hat viele Einwände gegen diesen Ruf Gottes, er spürt aber auch, sich seinem Anruf zu verschließen hieße, das Leben zu verlieren und wäre ein Verrat am Volk Gottes.

Auf die Weide des Lebens musste3 dieses Volk geführt werden. Während der Wüstenwanderung sah es manchmal gar nicht so danach aus, als ob sie je dorthin finden würden, als ob das verheißene Land wirklich existierte. Aber Mose weiß, dass auf Gott Verlass ist. Mose wird dann sein Volk bis an die Schwelle dieses Landes führen, dann ist sein Auftrag erfüllt. Aber an der Schwelle gibt er Israel die Zukunftsfrage mit: „Was willst du für dein Leben wählen? Meinst du die Weide wäre bei den prächtigen Tempeln Ägyptens zu finden, bei seinem Reichtum und seinem Luxus? Oder willst du wirklich das Leben? Wenn du dieses willst, dann musst du umkehren, du musst dich ganz zu Gott bekehren. Nur so ist das Leben möglich.“ Nicht ein ferner autoritativer Gott spricht, sondern der nahe Gott, der die tiefsten Wünsche des Menschen kennt und der ihn darin nicht überfordert, der ihm sagt: „Ich bin dir mit meinem Wort ganz nah. Mein Wort ist in deinem Mund, in deinem Herzen, du kannst es halten.“ (Deuteronomium 30,14)

In einer scharfen Alternative stellt Gott misslingendes und gescheitertes Leben dem gelingenden und gesegneten Leben gegenüber. Scheitern wird der Mensch immer da, wo er sein Leben und sein Herz an Götter hängt, die Menschenwerk sind. Auch das Gewaltigste, was der Mensch ersinnen, schaffen und bauen könnte, bleibt immer Staub, denn aus dem Staub dieser Erde ist es gemacht.

Die Weide des Lebens ist dort zu finden, wo die Stimme des Hirten zu hören ist, die Stimme Christi. Er führt seine Kinder zur Freiheit der Kinder Gottes. Leben ist Glauben an den Gott, aus dem alles Leben kommt.

Der Ruf, das Leben zu wählen, braucht in unserer Zeit mehr denn je die geistlichen Zeugen, die der Schönheit, dem inneren Gehalt und der Wahrheit des Glaubens durch ihr Zeugnis eine Gestalt geben. Die Menschen suchen Glaubwürdigkeit, sie suchen, dass einer sagt und durch sein Leben belegt: „Leben ist für mich Christus“ (Phil 1-21).

„Ich gebe euch ewiges Leben“, sagt Christus uns heute im Evangelium und das ist kein leeres Wort. In seinem Tod und in seiner Auferstehung belegt er: „Ich gebe euch Zukunft, die auch für Tote gültig ist. Ich habe diese Zukunft für euch in Händen“, sagt er. Und er sagt dies bewusst auch im Blick auf jene, die keine Perspektive haben, die abgeschrieben sind.

Welche Möglichkeiten haben wir Menschen denn, über den Tod hinaus eine Verheißung weiterzugeben? Aus unserer Kraft gar keine. Ein Denkmal, auf dem draufsteht: „In dankbarer Erinnerung“ ist doch streng genommen recht wenig, denn die Erinnerung von Menschen reicht nicht sehr weit und ein Denkmal zerfällt.

In unserem Leben ist jedoch eine Verlässlichkeit Gottes schon jetzt spürbar. Ich stelle die Sehnsucht nach Leben in Fülle bei mir fest, die Sehnsucht nach einer Ewigkeit, die ich mir nicht aneignen kann. Ich möchte Gott einmal von Angesicht zu Angesicht sehen dürfen. Der Weg dorthin beginnt aber nicht erst im Jenseits. Im Aufscheinen unserer Liebe hier auf Erden, da, wo wir uns von Angesicht zu Angesicht sehen, uns in Menschen wahrnehmen, die uns wertvoll und teuer sind, die wir niemals verlieren möchten, da ist auch die Liebe Gottes als Ursprung unserer menschlichen Liebe anwesend, die mir die Glaubensgewissheit mitgibt, dass alles Liebgewordene auch erhalten bleibt. Wirkliche Liebe, die wir hier auf Erden erfahren, das ist der verzeitlichte Atem Gottes, sie allein ist stärker als der Tod, denn sie erhält von Gott her in Ewigkeit Bestand. Wenn ewiges Leben nicht schon in unserer Liebe ein Heimatrecht hat, dann ist unsere Liebe Illusion.